Von mir am
25. Oktober 2001 in de.rec.film.misc geschrieben:
"Fuck" statt "Ficken" - REDUX sucks.
Da es offensichtlich eine Knappheit an Flames gegen die
Neufassung von Apocalypse Now gibt, habe ich mir einmal die
Mühe einiger ablehnender Worte gemacht.
Ich sehe überall Kritiken und Reviews, die behaupten, der Film
würde stärker als das Original dies und das herausarbeiten.
Nicht einer erwähnt, daß man durch Verändern nahezu jeder
Szene aus einem Kultfilm nicht wieder einen Kultfilm machen
kann. Noch schlimmer, es ist sogar gelungen, ihn komplett
kaputt zu machen in jeder Beziehung: als Kultfilm, als
Kriegsfilm, als Antikriegsfilm, sowie als optisch und
dramaturisch ästhetischen Film.
Es geht in REDUX überhaupt nicht darum, daß es eine
weitere Playboy-Bunny-Szene und eine Kolonialistenszene
gibt, sondern darum, daß (ohne Übertreibung!) jede Szene
aus leicht verschiedenen Filmschnipseln neu zusammengesetzt
und überarbeitet wurde.
Die deutsche Neusynchronisation, deren technische Notwendigkeit
mir durchaus einleuchtet, gibt dem ganzen den Rest.
Jeder halbwegs schwer verständliche Satz wurde herausgenommen
und durch flaches, leichtverdauliches Gewäsch ersetzt, damit es
auch die letzten Mainstream-Zuschauer auf den billigen Plätzen
noch begreifen.
Ein "Schlußmachen, aus tiefster Überzeugung" in ein "Schlußmachen,
mit allen Mitteln" zu verwandeln, ist regelrecht ein Sakrileg.
Die Szene mit Kilgores Abschlußsatz "Irgendwann ist dieser Krieg
mal zu Ende" in REDUX weiterlaufen zu lassen und durch redundantes
weiteres Wellengefasel wieder abklingen zu lassen, zerstört komplett
das Konzept der gesamten Kilgore-Sequenz.
Ein geschickter Schnitt nach einem derartigen dramaturgischen
Höhepunkt, das macht den Unterschied zwischen einem Oscar-reifen,
großen Film und einer banalen Mainstream-Ballade.
Desweiteren wird neben technischen Aspekten wie Sprechrhythmus,
Szenentempo und Einzelszenen-Aussage auch die Gesamtaussage grob
verfälscht.
In REDUX wird aus der ursprünglich selbst nicht unschuldigen,
gedankenlosen Bootsbesatzung eine Truppe von nachdenklichen, das
"irre System" ablehnenden, fast sauberen Helden, die an keiner Stelle
des Filmes zu betonen vergessen, wie verrückt doch Kilgore und die
Army und was weiß ich, wer noch alles, sind.
REDUX verherrlicht im Vergleich zum Original regelrecht seine
fünf Helden auf dem Boot.
Die verschobene Sichtweise auf die Helden, das klare Betonen
und Herausarbeiten des "bösen" Systems durch ständige, glasklare
Wiederholungen dieser Aussage durch die handelnden Personen gibt
dem Film auf den ersten Blick durchaus eine politisch korrektere
Eindeutigkeit, eine konkretere Stellungnahme, als es das Original
tat.
Aber genau das macht die Grundaussage eines Antikriegsfilms
vollkommen wertlos, indem es eine scharfe Trennung schafft zwischen
"gut" und "böse".
Die scheinbare "political correctness" von REDUX ist somit nicht
mehr als eine platte "es gab auch gute GIs"-Aussage.
Einer weiterer Aspekt ist der Verlust von Zeitlosigkeit und
Allgemeingültigkeit des Originals als (Anti-)Kriegsfilm. Durch
die zusätzliche Kolonialistenszene mit konkret benannten Ereignissen
und weiterhin später auch der expliziten Erwähnung beispielsweise
des Time-Magazins wird die Handlung an den konkreten Krieg in
Vietnam gebunden.
Das Original verwendete Vietnam nur als Aufhänger. Der Rest des
Films könnte für jeden anderen Krieg ebenso Gültigkeit haben. REDUX
ist nicht länger zeitlos. Apocalypse Now hat 22 Jahre überdauert,
ohne an Aktualität zu verlieren. REDUX macht dem ein Ende.
Unabhängig davon ist die in der hinzugekommenen Time-Magazin-Szene
eindeutige Klärung, daß Kurtz Willard zu seinem Chronisten machen
möchte, ein gehöriges Stück Vermittlung von Langeweile.
Ob dies im Original tatsächlich ein explizit abgesprochener Deal
zwischen Kurtz und Willard ist, bleibt dort verborgen. Jetzt ist
es ein taubes Stück Film: vollständig geklärt, von allen verstanden,
ab zur nächsten Szene.
Zurück zum Kultaspekt.
Was an der neuen deutschen Synchronisation besonders schmerzt, ist
der Verlust des charmanten Stils von Fehldeutungen in der alten
Übersetzung. Wenn Kurtz früher sagte: "... aber ihre Kommandeure
erlauben ihnen nicht, das Wort 'Ficken' auf ihre Flugzeuge zu
schreiben, weil *das* obszön ist", dann sagt er 22 Jahre später,
nachdem das Wort internationalisiert ist, "Fuck" statt "Ficken".
Schade um den Satz.
Der Film ist voll von Klärungen schwer verständlicher Szenen des
Originals. Manchmal wird auch offensichtlich nur versucht, Goofs zu
beheben, wie z.B., daß das Boot (angeblich) nicht von einem
Hubschrauber angehoben werden kann. Daher muß Willard nun zwanghaft
aus dem Off betonen, daß es "eines dieser Plastikbote" ist. Schade.
Und wieso muß Willard die Bootsbesatzung diesmal nicht nur als
"Milchbärte", sondern zusätzlich noch als "Rock"-Freaks oder so
etwas ähnliches bezeichnen. Nur, um die an einen nachweislich
falschen Platz verschobene "Satisfaction"-Sequenz noch zu
erklären? Ich weiß es nicht.
Die Disneylandszene, die Tonbandszene bei Clean's Tod, ich könnte
derartige Beispiele jetzt über 3 Stunden Handlung hinweg aufzählen,
aber das bringt natürlich nichts.
Ich gebe zu, daß ich vermutlich einer der wenigen bin, die
Apocalypse Now praktisch auswendig kennen, aber leiht euch das
Original, solange es noch geht und vergleicht es mit REDUX, sobald
dieses in der Video-Ecke erscheint (sucht es dann neben MI2) und ihr
werdet den Unterschied erkennen.
REDUX sucks, für den Fall wurde dieser Fäkalspruch erfunden.
Sorry, aber ich behaupte einfach mal, daß entweder die Genialität
von Coppola dahin ist oder er einfach Kohle brauchte (gefakte
Director's Cuts sind ein Klassiker). Mir fällt gerade nicht ein,
welche Motivation für REDUX ich weniger schlecht finden sollte.
Vielleicht ist auch die Erstfassung von Apocalypse Now tatsächlich
nur "aus Versehen" so gut geworden ist, wie sie nun mal noch immer
ist. REDUX jedenfalls ist es nicht.
Original-URL, trotzdem von mir:
http://verklopper.de/redux.txt.